zeitlos

seit bald drei monaten bist du nun da oben jenseits der zeit, während meine hier unten weiterläuft. wir teilten uns dieselbe x-achse, linie an linie.
ich wollte so mit dir gehen bis ans ende der skala. gemeinsam alt werden und mit dir am selben punkt stehen bleiben.
nun sitze ich hier in einem raum, der sich weiterdreht, obwohl doch mein herz am liebsten stehen geblieben wäre, als deine kurve die steigung beendete.
sie ging direkt in die unendlichkeit des kosmos über. du bist jetzt teil jener zeitlosen mathematik, die sterne hält und räume krümmt.
deine schwerelosigkeit hat den raum weit gemacht. du schwebst nun dort, wo keine koordinaten, kein hinten, kein vorne oder zu viel raum mehr gelten.
ein fuß steht in deiner unendlichkeit, gehalten von der schwerkraft deiner erinnerung. der andere tief im gewicht der welt, gehalten von der schwerelosigkeit deiner ruhe.
ich atme die luft ein, die du nicht mehr brauchst. ich greife ins nichts und finde dort alles, was war. so werde ich bleibend, und so gehst du mit.
ich lebe hier unten im staub der tage und trage deinen namen durch die räume. ich lerne das warten, das niemanden mehr erwartet.
so schürfe ich mich an den schnittstellen des alltags wund und lerne im hohlraum der erinnerungen zu stehen, ohne das gleichgewicht zu verlieren.
ich taste mich durch das gewebe der zeit, die nur noch in eine richtung läuft. ich lerne langsam mich am schweigen zu orientieren.
ich bin die gussform geworden, in die deine abwesenheit fließt, die meine ränder ausfüllt und nur langsam erkaltet.
ich trage deine form wie einen zweiten panzer, bereit für jedes gewicht, das diese welt mir noch entgegenwerfen wird.