reintegration – warum wir kein isolierter fremdkörper im universum sind

die qual um die frage "wohin wir gehen" impliziert, dass es ein dort gibt, das getrennt von einem hier existiert. doch wenn wir den dualismus radikal zu ende denken, bricht das fundament dieser frage in sich zusammen. es gibt kein außen, denn das universum ist ein geschlossenes system, aus dem nichts herausfallen kann.

stirbt ein stern, verschwindet er nicht aus dem kosmos. er kollabiert, verstreut sich und bildet die basis für neue planeten, für kohlenstoff oder für das eisen in unserem blut. wir sind nicht in diese welt wie in ein möbliertes zimmer hineingeworfen worden, sondern wir sind aus ihr herausgewachsen wie die blätter an einem baum.

der fundamentale denkfehler scheint, dass wir das bewusstsein wie einen gast behandeln. und wenn der gast abreist, fragen wir, wohin er fährt. was aber, wenn das bewusstsein kein gast ist? was, wenn es der gesang des zimmers selbst ist? wenn der körper vergeht, reist niemand ab. es verstummt lediglich das lied in dieser ganz spezifischen, individuellen frequenz, während der raum, der es hervorragte, unberührt bleibt.

die lakota-philosophie mitákuye oyás'iŋ kann die heilung für diese existenzielle frage sein. wenn die ahnen mit der landschaft verschmelzen, bedeutet das für uns, dass wir jedes mal in physischen und energetischen kontakt treten mit allem, was vor uns war, wenn wir den wind auf der haut spüren oder das wasser im fluss trinken. der tod ist kein umzug mehr an einen anderen ort, sondern die veränderung des aggregatzustands.

aber selbst, wenn wir akzeptieren, dass unsere atome zu erde und wind werden: was wird aus dem ich, den erinnerungen, der liebe, dem schmerz?

in der westlichen kultur versteht sich der geist eher als wasser in einem gefäß, und wenn dieses gefäß zerbricht, läuft das wasser aus und versickert ins nichts. aber vielleicht war der geist niemals im gefäß? vielleicht ist der geist eher wie ein radiosignal. das radio (körper und gehirn) empfängt dieses signal und wandelt es in hörbare musik (persönlichkeit, gedanken) um. geht das radio kaputt, verstummt die musik an diesem ort. doch das signal bleibt als unsichtbare schwingung bestehen. der geist wird nicht mehr zu einem isolierten ding, sondern zu einer art lokaler ausdruck eines universellen bewusstseins. mit dem tod stirbt also nicht der geist, sondern nur die begrenzung, die ihn als „dich“ definierte.

aus der physik kennen wir den energieerhaltungssatz: energie wird nicht vernichtet, sondern immer umgewandelt. warum sollte dies für die subtilste form von energie – dem bewusstsein – nicht gelten? wenn der körper geht, expandiert der geist. horizontal lebt er weiter in den mustern, die er in die welt hineingewebt hat, vertikal kehrt er zurück in den kollektiven ozean.

das macht dem ego riesige angst. es klammert sich verzweifelt an seine kleine identität. für das ego ist das verschmelzen mit dem ozean der untergang, weil es in seiner vorstellung nur abgetrennt existieren kann. es erscheint nicht möglich, dem ego diese angst zu nehmen, indem man mit ihm kämpft. ein perspektivenwechsel könnte ihm aufzeigen, dass verschmelzung kein verlust, sondern das ende einer isolation ist. fällt der tropfen zurück in den ozean, verliert er seine oberfläche. ab diesem moment muss er nicht mehr um sein überleben bangen, er wird zum gesamten meer. dem ego die angst zu nehmen bedeutet zu erkennen, dass wir nicht aus der welt heraussterben, sondern wir sterben uns in sie hinein.

in einem anderen essay (frequenzwechsel) beschrieb ich die evolution als prozess des vergessens. das sterben könnte genau das gegenteil sein: das große erinnern. im moment des frequenzwechsels streift der geist die alltäglichen reduktionsfilter ab und kann sich wieder in seine wahre größe ausdehnen.

das schreckgespenst der ultimativen schwarzen leere verfolgt unseren verstand, denn es ist das bild, das übrig bleibt im westlichen dualismus, wenn man das strafende jenseits wegnimmt: ein kaltes, schwarzes, ewiges nichts. aber dieses bild enthält einen denkfehler, denn damit etwas kalt, schwarz und leer sein kann, braucht es einen zeugen, der dort herumsitzt und dies feststellt. diese idee vom tod ist einfach die fantasie eines lebendigen egos. wenn das bewusstsein erloschen oder transformiert ist, gibt es keinen zeugen mehr, genauso wie es keine zeit mehr gibt oder einen leeren raum. die schwarze leere ist das phantom eines überforderten verstandes.

und leere ist nicht einfach nichts. wo leere ist, entsteht raum, und wo raum ist, entsteht bewegung und daraus folgt energie. leere ist nicht das gegenteil von leben, sondern sein urzustand, aus dem alles entsteht, das absolute potenzial.