unsichtbare präsenz
biologisch endet die präsenz eines geschöpfs mit dem tod. und trotzdem bleibt scheinbar eine unsichtbare präsenz, eine gewissheit, dass das verstorbene geschöpf nicht gänzlich verschwunden ist. es braucht keinen duft, kein lied, keine erinnerung, um diese rätselhafte anwesenheit zu spüren. sie nimmt fortan einen platz ein und ist einfach da.
speist sich die gewissheit aus der tatsache, dass unsere leben beinahe 20 jahre miteinander verwoben waren, ist es die resonanz unseres gemeinsamen erlebten oder eine geistige realität, die ich noch nicht vollumfänglich verstehen kann? ist es etwas, dass sich absichtlich unseres verständnisses entzieht, weil es jenseits der logik und materie in einer völlig anderen dimension liegt?
unsere leben waren tief miteinander verwoben, du warst eine art himmelsrichtung, an der ich mich orientieren konnte. mit dir brauchte ich keinen kompass, denn du warst mein nördlicher fixpunkt, der mir die richtige richtung aufzeigte. jetzt bist du weggebrochen und ich treibe plötzlich ohne koordinatensystem auf diesem ozean, der sich leben nennt.
ich sehe hinauf zu den sternen, aber ihre bilder ergeben schlagartig keinen sinn mehr. und der strom mit dem ich treibe, hat seinen namen verloren.
wenn der nördliche fixpunkt physisch erlischt, wandert er tief ins innere und wird zum wasser selbst. die himmelsrichtung ist nicht verschwunden, sie wird zu einem unsichtbaren unterstrom, der mich heimgeleitet, während ich lerne, ohne kompass zu segeln.