unsere zeit

manche lieder wissen genau einen zustand so zu übersetzen, wie man ihn fühlt. sie tragen die unverrückbarkeit in sich und widersprechen dem tröstenden gedanken, dass mit der zeit alles leichter wird. es gibt dinge, die sich durch keine zeit wegwischen lassen. sie bleiben als ein raum.
und dieser bleibt exakt an der selben stelle im herzen. er wird nicht kleiner, er füllt sich nicht auf, er gehört plötzlich zur geometrie dazu. egal wie viele wochen, monate oder gar jahre vergehen.und während die zeit im außen keinen stillstand kennt, trägt sich dieser unsichtbare, eingefrorene raum in jedem schritt mit.
du hast meine zeit strukturiert. deine routinen haben meinem tag ihren rahmen gegeben. sei es das nächtliche mahl, der morgendliche wunsch nach dem balkon, tagsüber meine begleitung und unsere abendliche schmuserunde. nun bist du gestorben, aber dein rhythmus bleibt als resonanz in meinem gedächtnis zurück. aber nicht als last, die man abwerfen möchte.

die philosophin donna haraway unterscheidet in ihrem „manifest für gefährten“ (2003) zwischen dem bloßen nutzen eines tieres und dem gemeinsamen werden. du und ich haben uns gegenseitig geformt. der respekt und die akzeptanz gegenüber einer radikal anderen form des bewusstseins prägen die eigene wahrnehmung. diese wahrnehmung verflüchtigt sich nicht mit dem stillstand deines herzens. meine erinnerungen an dich sind ein lebendiger raum, der an keine biologische dauer geknüpft ist.