wohin wir gehen, wenn wir gehen

wie eine kultur den tod interpretiert, spiegelt auch wider, wie sie das leben begreift.
dies ist ein weiterer versuch den westlichen dualismus zu überwinden.

in der westlichen moderne begegnen wir dem tod meist steril, isoliert und voller angst und beklemmung vor dem metaphysischen gericht.

diese art dem tod zu begegnen ist das produkt eines kulturellen narrativs, das uns bereits seit hunderten von jahren in form des monotheistischen dualismus begleitet. um dieses narrativ zu überwinden, bleibt nichts als diesen dualismus kritisch zu hinterfragen und dorthin zu blicken, wo sterben keine trennung ist.

das dualistische weltbild spaltet die welt in geist und materie, schöpfer und schöpfung, mensch und natur. diese sichtweise stellt den mensch vor mehrere dilemma:

1. die entwertung des diesseits: die materielle welt verliert ihren inhärenten wert und wird zu eine art wartesaal, wenn das wahre leben erst im jenseits beginnt.

2. das jüngste gericht: der übergang ins jenseits ist im monotheismus an ein kosmisches gericht gekoppelt, das über jenseits, paradies, hölle entscheidet. dadurch wird der tod moralisiert.

3. die illusion der trennung: das jüngste gericht suggeriert die illusion, dass der mensch außerhalb der natur stehe. dabei zerfällt der körper biologisch und speist neues leben.

viele indigene völker rund um den globus verweigern sich dieser auslegung. für diese völker gibt es nur diese eine welt und sie ist lebendig und beseelt und absolut rational. der tod wird hier nicht mehr zum linearen abbruch, sondern zur transformation im selben raum. der glaube lehnt sich an das prinzip der reziprozität.

frei nach dem oglala-lakota-häutpling chief flying hawk: die erde fordert nur zurück, was sie uns geliehen hat, damit der kreislauf weitergehen kann.“

die biomasse und gespeicherte energie wird wieder in den organismus der natur eingespeist.

wohin wir gehen, wenn wir gehen: für viele indigene völker gehen wir nirgendwohin. wir bleiben hier – nur in anderer gestalt. die toten werden zu ahnen, die mit der landschaft verschmelzen. sie werden zum berg, zum fluss, zum winter und zum wind.

man könnte auch sagen, dass das jenseits im indigenen verständnis nicht vertikal, sondern horizontal ist. sie verschwinden nicht von der erde hier unten in irgendeinem himmel dort oben, sondern werden zum fluss und wer diesen fluss verschmutzt, verschmutzt nicht die erde, sondern die ahnen.

der tod ist nicht mehr der feind, der auf uns wartet, sondern der motor des lebens selbst. ohne das sterbende laub im herbst, gibt es keinen humus für den frühling. leben und tod sind keine gegensätze, sie bedingen einander und sind zwei seiten der selben medaille.

nimmt man die vielen indigenen interpretationen ernst, verliert die frage „wohin wir gehen?“ ihre schwere. wir gehen dahin, wo wir hergekommen sind und in die erinnerung derer, die nach uns kommen.

die kritische überwindung des dualismus, erlöst uns vor der angst vor einem jenseitigen gericht und der einsamkeit einer isolierten seele.