freiheit
wir leben in einer welt, die bereits fertig eingerichtet ist, wenn wir in sie hineingeboren werden. wir bewegen uns in einem dichten geflecht aus regeln, erwartungen und geschichten, die wir selten selbst für uns geschrieben haben. und auch wenn uns keine sichtbaren mauern den weg versperren, so ist die wahre, die radikale freiheit nur über einen inneren befreiungsakt zu erreichen.
wer bin ich ohne die brille der gesellschaft? wer bin ich, wenn ich keine angst mehr vor dem unbekannten habe? und wer bin ich, wenn ich nicht einmal mehr meinen eigenen, automatischen gedanken blind vertraue?
die intellektuelle freiheit
der erste schritt in die freiheit beginnt unweigerlich mit einem zweifel. die intellektuelle freiheit bedeutet, mut zu haben, den kopf über die mauern der dogmen zu erheben. religiöse, politische oder gesellschaftliche dogmen sind fertige menüs des denkens. uns wird eine fertige wahrheit serviert.
ein geist, der in dogmen denkt, ist wie ein vogel, der in einem käfig lebt und fliegen für eine krankheit hält.
die intellektuelle freiheit verlangt von uns die frage: „warum glaube ich, was ich glaube?“. es geht nicht um gute und böse dogmen, es geht darum, das prinzip des dogmatismus an sich zu durchschauen. frei ist nicht derjenige, der eine ideologie gegen die nächste eintauscht, sondern derjenige, der gelernt hat, *wie* man denkt, statt *was* man denkt.
die existenzielle freiheit
hat der geist erst einmal begonnen, sich aus den dogmen der außenwelt zu befreien, stößt er unweigerlich auf die größte aller mauern: die existenzielle angst.
es ist die angst vor der eigenen endlichkeit, die angst vor dem großen unbekannten, die ewige frage, was nach dem sterben kommen mag. historisch gesehen ist diese angst schon immer der mächtigste hebel gewesen, um den menschlichen geist zu kontrollieren. wer menschen mit einem strafenden jenseits oder einer absoluten sinnlosigkeit droht, nimmt ihnen die freiheit im hier und jetzt. durch diese kontrolle des geistes wird dem menschen die möglichkeit zur freien entfaltung genommen.
die existenzielle freiheit beginnt dort, wo wir die endlichkeit als rahmen akzeptieren, der dem bild unseres lebens überhaupt erst seinen wert verleiht. in dem moment, in dem wir die angst vor dem ende abstreifen, verliert das leben seine bedrohlichkeit. wir müssen keinen vorgefertigten lebenssinn stur erfüllen, sondern wir selbst sind die autoren unserer existenz. freiheit bedeutet in diesem sinne, die verantwortung für das eigene leben radikal zu übernehmen und das jetzt zu gestalten – unabhängig davon, was uns erwartet.
die psychologische freiheit
aber all diese erkenntnisse nützen nichts, wenn wir das stärkste gefängnis nicht zu knacken vermögen: das gehirn. die psychologische freiheit führt uns auf den intimsten und gleichzeitig schmerzhaftesten weg der bebefreiung.
das gehirn ist evolutionär betrachtet ein organ des nackten überlebens. es ist wie eine maschine, die ständig auf autopilot läuft – programmiert und gesteuert durch alte verletzungen, biochemische impulse, gesellschaftliche konditionierungen und den ewigen schrei des egos nach bestätigung und sicherheit. wir meinen, frei zu handeln, doch sind wir in wahrheit oft nur die marionetten unserer eigenen neurobiologie.
psychologische freiheit ist also die überwindung der identifikation mit den eigenen gedanken und die fähigkeit, einem impuls nicht sofort nachzugeben. sie bedeutet, zum stillen beobachter der gedankenstürme und impulse zu werden und bewusst zu entscheiden, welchen gedanken und impulsen wir kraft verleihen und welche wir vorüberziehen lassen.
freiheit ist ein lebenslanger, dynamischer prozess. sie lässt sich nicht einfach erreichen und dann besitzen. freiheit ist anstrengend, denn sie ist unbequem. aber sie ist der einzige weg zu einem wirklich authentischen leben, das uns zum schöpfer unseres seins werden lässt.