das paradoxon suizid 2

die konfrontation mit einem vollendeten suizid lässt einen als zurückgebliebenen oft an einer schwelle zurück, an der die gesetze der alltäglichen logik völlig kollabieren. der geordnete übergang des seins, sein allmähliches erlöschen wird durch einen plötzlichen, radikalen akt zerrissen.
dieser akt führt nicht nur zu einem bruch mit der materiellen welt, sondern zieht eine erschütterung nach sich, die tief bis in die metaphysische architektur des fortbestehens reicht.

aus der perspektive der abendländischen dogmen wird ein suizid häufig moralisiert und als endgültiger, kalter abbruch verstanden.
in der traditionellen weltanschauung der lakȟóta begegnet man der dynamik des seins mit einer anderen tiefe. zwar bringt der vorzeitige, gewaltsame abbruch des lebens auch in dieser tradition eine fundamentale irritation ins gefüge, aber diese irritation wird nicht als moralische sünde erfahren und bewertet.
es ist vielmehr eine unterbrechung der natürlichen ordnung, wenn der geist (wanáǧi) abrupt und voller unverarbeiteter nöte sein physisches gefäß verlässt.

beim allmählichen erlöschen des lebens begleiten die ahnen als weggefährten den sterbenden über die milchstraße (wanáǧi tȟačháŋku) bis der frequenzwechsel vollzogen ist.
der geist des suizidierten menschen wird nicht im stich gelassen, verliert aber durch seine bindung an das trauma suizid und die eigenen inneren verwirrungen häufig die orientierung und "verpasst" den eintritt zum geisterpfad (wanáǧi tȟačháŋku). er ist also durch seine eigene innere not isoliert und blind für die spuren der ahnen.

und selbst, wenn der geist versucht, den pfad zu gehen, besteht er häufig "die prüfung der alten frau" an der schwelle zum pfad nicht – nicht aus strafe wie im abendländischen sinne des jüngsten gerichts, sondern weil er durch seine wirrungen noch nicht bereit ist. als folge bleibt er ruhelos wandernd nahe der erde bis er heilung findet.
diese „alte frau“ ist in der überlieferung der lakȟóta die mythologische hüterin der schwelle – sie ist der zeit selbst entsprungen und lebt in einer höhle, von der aus sie das gefüge der welt selbst bewahrt.

in manchen überlieferungen ist das verweilen nicht ausschließlich auf die zwischensphäre beschränkt. konnte ein geist seine lebensaufgabe nicht vollenden oder die verwirrungen wiegen zu tief, wird er manchmal zurück auf die erde gelenkt. der geist wird an ein neues leben in einer neuen form gebunden und hat die chance dadurch gleichgewicht und harmonie wiederherzustellen.
solange ein geist aber in der zwischenwelt verbleibt, ermöglicht dies für den hinterbliebenen eine realität, die das sonstige erleben sprengt.

das spüren des geistes, das hören seiner stimme, die dialoge miteinander, all das sind keine verwirrungen eines überforderten verstandes.
es sind die direkten antworten eines orientierungslosen geistes an der schnittstelle zweier "welten".
die kommunikation zwischen geist und hinterbliebenen wird zu einer spirituellen brücke. es ist der versuch dem geist ein seil zu reichen, an das er sich halten kann. solange, bis er den weg zu den sternen schließlich antreten darf.

während also die eine tradition im suizid den finalen bruch findet, sieht die andere eben genau diesen als beginn einer unsichtbaren, aber fortdauernden beziehung.
dasselbe ergebnis, aber zwei entgegengesetzte wahrheiten – das ist das paradoxon.