stille 4
auf der einen seite steht eine fast tröstliche apathie gegenüber dem eigenen ende. wer einen geliebten gefährten an den tod verloren hat, verliert gleichzeitig die angst vor der eigenen sterblichkeit. denn der tod verliert seinen abstrakten schrecken und seine dunkle bedrohlichkeit und wird zu einer instanz, die dich bereits empfangen hat. wenn der tod der ort ist, an dem du jetzt bist, cleo, dann kann er nicht feindlich sein.
und doch bricht genau dort, an dieser schwelle, die nächtliche panik aus. sie fegt all die mühsam erarbeiteten gedankenkonstrukte hinweg – das buch ist geschrieben, die kosmologie durchdacht. am tag hält das konstrukt stand, doch in der nacht zerlegt die panik jede ordnung in chaos. es ist das entsetzen über die absolute trennung, die sich in der dunkelheit bahn bricht. der totale vertrauensverlust in die metaphern, die mein verstand errichten musste, um der gnadenlosen kälte der endgültigkeit etwas entgegenzusetzen.
vielleicht offenbart sich hier die unaufgelöste asymmetrie des verstandes: die kosmologie begreift das „überallwerden“, aber das herz misst die wirklichkeit an der „greifbaren welt“. es verlangt nach dir, der dichte deines körpers, deinem fell und geruch, deiner spezifischen, ungekünstelten gegenwart. all das, was diesen raum einst geordnet hat.
das chaos der nacht widerlegt nicht das, was erarbeitet wurde. aber es ist die belastungsprobe. es zeigt auf, wann die abstraktion an ihre grenzen stößt. wahrscheinlich besteht die radikale ehrlichkeit darin, dieses paradoxon weder schönzureden noch zu glätten: die entlastung zu spüren, dass der eigene tod an schrecken verloren hat und gleichzeitig das entsetzen auszuhalten, von dir vielleicht für immer getrennt zu sein.