cleo 5

einige sagen, der schmerz würde nachlassen, und sie meinen es als trost. viele scheinen nicht zu begreifen, dass in dieser inversion bereits der verrat liegt. „verarbeitung“ ist letztendlich nichts anderes als der versuch, die unordnung zu beseitigen, die dein fortgehen in den geglätteten alltag gerissen hat. es scheint mir, als fordere man eine schnelle rückkehr zur funktion, eine heilung von einem zustand, der gar keine krankheit ist, sondern die einzig angemessene antwort auf deinen tod.

es ist, als würden viele den schmerz nicht aushalten, weil er uneingelöst bleibt. er lässt sich nicht produktiv machen, nicht verarbeiten, in keine erzählung fügen, die am ende einen sinn garantiert. der tod hat keinen sinn; er findet einfach nur statt. und mein schmerz ist das physische äquivalent zu diesem stattfinden.

würde ich ihn auflösen, nur um es ihnen einfacher zu machen, würde ich nachträglich so tun, als wäre deine existenz eine fiktion gewesen, die man nun getrost zu den akten legen kann.

einige verlangen oder schlagen vor, dass der raum, den du eingenommen hast, zügig freigegeben wird – für jemand neues. damit die leere wieder geordnet, verpackt und überschrieben wird, bis die geometrie des alltags wieder stimmt. ein ersatz ist für sie ein werkzeug, um eine lücke zu schließen, die unbehagen auslöst.

für mich ist das aushalten dieser leere die einzige form der treue, die die logik des verlusts nicht verzerrt. sie zuzuschütten würde implizieren, du seist ersetzbar gewesen.

der schmerz ist deshalb kein zustand, der überwunden werden muss. er ist der raum selbst. er ist das gewicht, das deine abwesenheit hinterlässt, und ich denke nicht daran, dieses gewicht zu erleichtern, nur weil die welt die schwere nicht erträgt.

die zeit wird als verbündete dieser entlastung gehandelt.
man verspricht, sie werde die kanten abschleifen, das fehlen mäßigen und den riss verblassen lassen, bis er kaum mehr als eine dünne narbe in der erinnerung bleibt. doch dies ist nichts anderes als der versuch der distanzierung. wer zulässt, dass die zeit den schmerz einebnet, erlaubt ihr, die schärfe deines gewesenseins in eine vage anekdote zu verwandeln.

ich verweigere mich dem. der schmerz darf und wird nicht weicher werden, weil die realität deines fortseins nicht weicher wird. er ist das stumme korrektiv gegen das vergessen, ein permanenter einspruch gegen die illusion, das leben könne nach einem solchen bruch einfach in seinen alten takt zurückkehren.

ich trage den schmerz nicht wie eine last, die abgelegt werden müsste. ich trage ihn wie eine gewissheit. wenn die welt da draußen ihre gewohnte betriebsamkeit einfordert, bleibt diese leere der einzige ort, an dem die wahrheit deines daseins unangetastet bestehen bleibt.