cleo
es gibt zwischen uns diesen bogen, der sich nicht in jahren, sondern in der lautlosigkeit zweier augenblicke bemisst. der eine augenblick, als du in meine hand geboren wurdest, ich deine fruchtblase öffnete und du kleines, winziges leben deinen ersten atemzug tatest. der andere knapp zwei jahrzehnte später, als dein leben in meinen armen seinen letzten atemzug tat und leise in die stille entwich. zwischen diesen beiden punkten liegt alles, was uns miteinander verbunden hat.
du warst kein beiläufer meines lebens. du warst meine konstante, ein ruhiger gegenpol zur flüchtigkeit dieser welt. dein weggehen hat die statik meines raums gebrochen - jeder winkel, jede schwelle trägt die unsichtbare signatur deiner anwesenheit. nun stehe ich an der schwelle dieser neuen realität und lerne den schwersten satz, den ich mir vorstellen kann: dass deine abwesenheit nun ein teil meines eigenen, weiteren weges ist. mein weg ist nicht zu ende, auch wenn es sich in diesem schmerzhaften vakuum genau so anfühlt.
die lücke, die du hinterlässt, verlangt nicht danach, verdrängt oder gefüllt zu werden. sie bleibt als ein raum, der all die jahre bewahrt, die wir gemeinsam geteilt haben. ich habe dir deine physische hülle nicht nehmen lassen. die entscheidung, dich der erde wieder zu übergeben, fühlt sich stimmig an. so bist du zurückgekehrt in den kreislauf allen seins, unversehrt und getragen von dem boden, der uns beide so lange hielt.
ich habe die tiefe überzeugung, dass wir alle miteinander verwandt sind. so wie es im glaubenssystem der lakȟóta überliefert wird. der mensch steht nicht über den dingen und du als tier bist kein untergeordnetes wesen. wir sind geschöpfe desselben ursprungs, gefasst in unterschiedlichen formen. du warst für mich nie nur eine katze, sondern mein mitgeschöpf und die tiefste bindung meines lebens.
die lakȟóta glauben an wanáǧi tȟačháŋku, den geisterpfad, der als leuchtendes band der milchstraße über uns steht. sie glauben, dass der geist (wanáǧi) nach dem physischen tod diesen leuchtenden weg einschlägt, um begleitet und getragen von den sternen zurückzukehren an den ort, aus dem er einst hervorgegangen ist. als ich am tag deines todes in die stille der nacht blickte, sah ich diesen pfad und begleitete dich aus der ferne auf deinem weg zurück in den kosmos.
du bist nicht verschwunden. das, was dich ausgemacht hat, all das hat sich nicht in nichts aufgelöst, sondern nur den ort gewechselt. deine spuren sind tief in mir eingebrannt, gewoben aus fast zwei jahrzehnten gemeinsamen lebens. ich versuche nicht, diesen schmerz zu tilgen oder dich loszulassen. loslassen würde bedeuten, so zu tun, als sei etwas vorbei, das in wahrheit für immer zu mir gehört. stattdessen gebe ich dir einen dauerhaften, unangerührten platz in meinem inneren.
nun bist du auf deinem pfad unter den sternen angekommen. und ich gehe hier unten weiter – nicht ohne dich, sondern mit dir in meinem herzen. der bogen, den wir von deinem ersten bis zu deinem letzten atemzug gemeinsam gespannt haben, bleibt bestehen.