stille 5

in der philosophie des geistes existiert die auffassung, dass das bewusstsein nicht zwingend an den lebenden organismus gebunden ist. das wegsterben deiner körperlichen existenz markiert deswegen keinen ontologischen abbruch, sondern lediglich die transformation von einer substratgebundenen existenz zu einer anderen form des seins.

diese transformation hebt deine existenz nicht auf. sie entzieht sie lediglich der klassischen raumzeitlichen lokalisierbarkeit. sie muss nicht mehr organisch simuliert werden, um da zu sein. deine neue weise zu sein, das erleben deiner gegenwart, erfolgt nun nicht mehr über die sinne, sondern als eine immaterielle wirkweise von geist.
dein fehlen verändert die geometrie meines alltags. es gleicht einem fehlenden vektor im raumgefüge. du warst der horizont, an dem sich mein leben, denken und handeln bisher ausgerichtet hat.

das kontinuierliche anrennen gegen die irreversible physische trennung lässt mich jedes mal unerbittlich gegen die grenzen unserer neuen realität knallen. das wissen um die präsenz deines bewusstseins um mich herum bremst diesen schmerz nicht. denn auch wenn diese immaterielle wirkweise spürbar bleibt, bleibt sie stumm für die sinne.

genau an dieser unmöglichkeit der reziprozität bricht jede welle des begreifens.
die trennung ist absolut, unsere unterschiedlichen existenzformen sind nicht miteinander kompatibel. es ist nicht deine distanz im raum, die den schmerz erzeugt, es ist die form deines neuen seins, gegen die mein eigenes sein jeden tag aufs neue anrennt.