kreuzung
in diesem gefüge, was wir leben nennen, gibt es keine ungesetzmäßigen ausrutscher. es gibt lediglich bahnen, die sich aus unterschiedlichen winkeln annähern, sich kreuzen und schließlich wieder voneinander entfernen.
was so ein aufeinandertreffen im kern ausmacht, bekommt man in dem moment zu spüren, wenn dieser fixpunkt bricht und sich die wege endgültig trennen. es ist das koordinatensystem, das ins schwanken gerät und letztendlich kollabiert. die verbleibende bahn muss lernen ihren weg fortzuführen, obwohl der fixpunkt, der sie auf kurs hielt, plötzlich unwiderruflich erloschen ist.
die gesetze des physikalischen überlebens verlangen die andauernde bewegung, aber jeder schritt ist ein balanceakt auf einer linie, die ihre konturen verloren hat.
manchmal glaube ich, mein unentwegtes anschreiben gegen den verlust erzeugt nicht nur nähe, sondern auch entfernung. mit jedem wort spüre ich, wie sich deine neue substanz meinem begreifen entzieht. und gleichzeitig versuche ich die konturen nachzuziehen. die tinte trocknet, die blätter werden dicker, und die sätze wachsen wie eine mauerartige schicht zwischen das gestern und das jetzt.
je genauer ich dich beschreibe, umso starrer scheinst du zu werden. vielleicht stellt das schreiben vorallem eine ordnung her. aus worten, aus sätzen, aus kapiteln. vielleicht entkomme ich mit jeder zeile der sehnsucht ein stückchen mehr, während ich mir doch eigentlich nichts anderes wünsche als dorthin zurückzukehren, wo sich unsere bahnen damals kreuzten.