cleo 2
die physis ist kein bloßes gefäß, das nach dem erlöschen des lebens nutzlos zurückbleibt. sie ist die konkrete schnittstelle, an der dasein überhaupt erst erfahrbar wird.
die spuren der zeit – das ergrauen des fells, das leiserwerden der schritte, die veränderte schwere – waren keine bloßen verschleißerscheinungen, sondern die sichtbare verdichtung gemeinsam verbrachter zeit.
zerbricht diese form, vollzieht sich nicht der verlust von substanz, sondern ein physisches zurücksterben. die erde ist keine passive bühne, sondern das ur-material, das sich leiht und wieder zurückfordert.
dieses zurücksterben ist eine fundamentale rückkehr in einen kreislauf, dem der körper nie wirklich entronnen war. die materie, die uns ausmachte, stürzt nicht in ein vakuum, sondern sie verteilt sich. sie sickert in den boden, durchdringt das wurzelwerk, steigt als feuchtigkeit auf und wird teil der atmosphäre, die diesen ort umgibt.
so wie die materie nicht im vakuum versinkt, verflüchtigt sich auch die ausstrahlung, die uns beseelte, nicht ins bedeutungslose.
hier öffnet sich ein raum, den der abendländische dualismus stets verschlossen hält. wenn ich mich dabei der kosmologie der lakȟóta zuwende, geschieht das nicht aus einem spontanen impuls heraus. es geht um den tiefen respekt vor einer philosophie, die eine wahrheit bewahrt, die unserer tradition abhandengekommen ist: das wissen um die untrennbarkeit von himmel und erde, materie und geist.
im bild des geisterpfads – der milchstraße – auf der die seelen ihren platz unter den sternen einnehmen, finde ich eine präzise struktur für das, was sich in meiner trauer vollzieht. du, cleo, hast von anfang an im einklang mit der schöpfung existiert.
dass dein geist nun dort oben seinen ort hat, zieht mich nicht von der welt weg. der sternenhimmel ist nicht mehr das furchterregende, dunkle vakuum, sondern ein raum voller vertrautheit. himmel und erde stehen sich nicht als feindliche pole entgegen, sondern bilden den oberen und unteren bogen desselben kreises.
dein geist durchmisst die sterne, während deine physische energie die erde speist, die mich jeden tag trägt. der tod hat dich nicht gelöscht, sondern dich zurück in das ganze gewoben.
dass die philosophische klarheit den schmerz nicht einfach löscht, ist die wohl ehrlichste erkenntnis dieses weges. schmerz und sehnsucht fordern ihren raum ein. sie sind der preis für unsere tiefe verbindung.
der schmerz ist nun kein abgrund mehr, in den ich stürze, sondern ein zustand innerhalb eines großen kreises. in dieser einsicht hat mein glaube seinen frieden gefunden. die angst vor dem tod ist der gewissheit gewichen, dass unsere welten nicht durch eine unüberwindbare grenze getrennt sind.
du bist nicht verschwunden; du bist überall geworden.
wenn ich heute den boden unter meinen füßen spüre, den wind auf der haut fühle oder nachts oben zu den sternen blicke, ist da keine leere abwesenheit.
und wenn die sehnsucht ihr recht in den leisen augenblicken des tages einfordert – im unwillkürlichen blick zu den gewohnten stellen im raum, im verlangen nach der wärme, nach dem duft deines fells, nach der schlichten gesellschaft – dann bitte ich sie herein. denn sie ist die kehrseite der liebe, die physische erinnerung an das, was war.
sie ist nicht mehr die schmerzhafte suche nach etwas verlorenem, sondern die stille, greifbare gegenwart einer zeitlosen verbindung.
der kreis ist geschlossen und in ihm bleiben wir verwoben.