alterität 

es gab diese augenblicke, in denen das kontinuum des alltags schlagartig einfror, wenn mich ein ruhiger, durchdringender blick von dir traf. ein blick, der den raum zwischen uns augenblicklich verdichtete. in diesen momenten entstand die illusion – oder die ahnung? – von dir in meiner gesamtheit durchschaut zu werden.

versuche ich den moment philosophisch zu erfassen, muss ich mich erst von der vorstellung trennen, dass verstehen an sprache gebunden ist. keine einordnung in begriffe, abwägungen und interpretationen.
wenn du mich mit diesem blick anschautest, gab es keine begriffliche zergliederung, keine moral oder erwartungen. und genau diese abwesenheit von jeglichem urteil verlieh deinem blick diese durchdrungenheit.

jacques derrida reflektierte über die erschütterung, die entsteht, wenn der mensch erkennt, dass er nicht nur das weltbetrachtende subjekt ist, sondern selbst zum objekt des tierischen blickes wird. im auge des tieres begegnen wir einer fremdheit, die nicht aufgelöst werden kann.
und trotz allem lag in deinem blick, cleo, eine merkwürdige vertrautheit. eine intimität, die ohne identifikation auskam. eine alterität, die nicht wie ich sein musste und auch nicht wie ich sprechen musste, um mich zu erfassen oder irgendwas zu begründen.

das verstehen zwischen uns war immer ein gemeinsames bewohnen desselben augenblicks. versucht die menschliche sprache die welt zu erklären, beließ dein blick der welt ihr geheimnis. du hieltest die fremdheit aus und machtest aus ihre eine geborgenheit.

am ende bleibt kein satz und keine theorie. es bleibt die gewissheit einer verbundenheit, die genau deshalb so unangreifbar ist, weil sie nie nach beweisen verlangte.