sehnsucht ist die anwesenheit von abwesenheit

dieser raum hier, der dich 20 jahre mitgetragen hat, ist kein neutraler ort. er ist ein resonanzkörper. dein erlöschen änderte nichts an der statitk, denn jedes möbelstück, jeder unberührte platz behält die unsichtbare erinnerung an dich. der versuch all diese dinge zu bewahren, ist der versuch die zeit durch puren stillstand festzuhalten.

die kleinste veränderung fühlt sich wie ein übergriff, wie ein verrat an dir an. es ist, als würde ich mit jeder physischen veränderung, nicht nur den staub entfernen, sondern aktiv an deiner kontur kratzen. den raum so zu belassen, wie er ist, wird zum letzten beweis der unverfälschtheit. solange alles an seinem platz bleibt, scheint die abwesenheit nur vorübergehender natur zu sein.

und doch bricht gerade in diesem zeitkristall manchmal der impuls hervor, etwas zu verändern. denn ein unbewegter raum wird mit der zeit zum stillen vorwurf. er konserviert nicht das leben, das war, sondern die schmerzhafte situation des noch-immer.

so kollidieren zwei wahrheiten miteinander: die angst, die letzten sichtbaren spuren zu verwischen, und das wissen, dass das beharren auf der alten ordnung die abwesenheit erst recht zu denkmal stilisiert.

das leben fordert sein recht auf fortgang ein und dieser fortgang ist unbarmherzig. die veränderung des raums ist deshalb lediglich der schmerzhafte versuch die eigene physische anwesenheit mit der wahrheit des verlusts in einklang zu bringen.

vielleicht liegt die auflösung dieses drangs darin, den raum gleichzeitig zu leeren und zu füllen. ich schreibe dich in die wände. meine worte über dich, die nun meine wände zieren, vermessen den raum neu. sie halten dich dort fest, wo deine abwesenheit sonst alles verschlungen hätte.