vollständig

in der mathematik ist ein integral die summe aller augenblicke. man legt die momente aneinander und sieht, was sich angesammelt hat. zwischen deinem ersten und letztem atemzug liegen knapp zwanzig jahre und jeder einzelne tag davon ist in dieser summe enthalten.
wenn die funktion nun plötzlich aufhört, wenn jeder folgende augenblick zu einer null wird, dann fällt trotz allem die summe nicht auf null zurück. die summe hört nur auf zu wachsen. sie bleibt unverändert stehen, denn die ableitung ist zur null geworden.

der tod offenbart dadurch noch einen anderen abschluss. er ist nicht mehr nur die lücke in der rechnung, sondern ein bleibender summand in jeder folgenden. die treue zu dir und ein leben ohne deine physische gegenwart schließen sich nicht zwangsläufig aus.

doch rechnen ist nicht leben. die summe steht unverändert, aber mein körper weiß nichts davon und so sucht er stetig nach deiner physis.
das leben jedoch nimmt die lücke in sich auf, ohne sie zu verkleinern. es kommt mir vor, als legten sich die tage um sie und mit jedem tag wird die lücke ein stück weniger der ganze raum und mehr ein teil von ihm.

integrieren bedeutet nicht, meinen reflex nach dir zu unterdrücken. es heißt, ihn immer wieder ins leere laufen zu lassen und ihn darin auszuhalten. bis er irgendwann etwas neues lernt, nämlich dass du trotz abwesenheit nun anders da bist.

integrare heißt ganz machen. ich verstehe inzwischen, dass es nicht zwangsläufig mit heil gleichzusetzen ist. heil ist ein zustand vor einem bruch, aber dorthin führt kein weg zurück. integer bedeutet unberührt, aber auch das wirst du nie wieder sein, denn du hast mich berührt. deswegen verstehe ich ganz heute anders, nämlich im sinne von vollständig. vollständig ist ein leben, wenn nichts draußen bleiben muss, was dazu gehört. du bist nun anders da und so bleibt mein leben vollständig.