brief an einen vater

deine absage an mich war nie ein einzelner, plötzlicher bruch oder dramatisches ereignis. es war eine permanente haltung. diese entscheidung musste wohl nicht jeden tag neu getroffen werden, sondern blieb als deine grundhaltung über unser beider leben dauerhaft bestehen.

absolute ablehnung ist kein missverständnis, das sich klären ließe. sie ist auch kein streit, aus dem man verletzt hervorgeht, um sich dann doch wieder anzunähern. sondern sie spricht die existenzberechtigung im blick des anderen ab.

sie braucht keine ausbrüche oder lärm. die wucht des schmerzes liegt gerade in der konsistenz, mit der er vorhanden ist. in dem moment, wo ablehnung den ganzen raum ausfüllt, den eigentlich die beziehung zueinander einnehmen sollte, wird sie physisch erfahren.

und diese erfahrung setzt sich fest. man trägt sie mit sich rum – im eigenen blick auf die welt. er manifestiert sich in dem wissen, wie schnell und gründlich ein mensch aus dem bewusstsein eines anderen gestrichen werden kann. man wartet nicht mehr auf eine erklärung und sucht nicht mehr nach schlüsseln für türen, zu denen es keine räume gibt.

was bleibt ist die nüchterne klarheit: du hast dich für die abwesenheit entschieden und ich habe gelernt in der welt zu stehen, ohne dass dein blick mich je getragen hätte.

nun bist du 89, das ende rückt näher und die zeit, in der noch etwas hätte geschehen können, läuft aus, wenn sie nicht längst abgelaufen ist. man muss sich vielleicht nicht nahegestanden haben, um einander in frieden gehen zu lassen. verzeihen ist in unserer konstellation keine nachträgliche annäherung und genauso wenig eine umdeutung der vergangenheit. es kann schlicht eine entlastung für uns beide sein. keine offene rechnung, kein verbleibender vorwurf.

was in mir bleibt, ist der wunsch nach einer stillen befreiung auf beiden seiten. dass du irgendwann gehen kannst, ohne noch etwas zu schulden, und dass ich bleibe, ohne noch etwas zu erwarten.