cleo 6

schmerz ist keine idee. vermissen ist keine idee.
beides sitzt als dumpfe, unnachgiebige schwere auf meinem brustbein, als hätte die stille der wohnung sich auf diesen punkt verdichtet. mein atem geht flach, weil ich gegen diese schwere ankämpfen muss.

ich erahne dich vor mir, neben mir, um mich herum, aber ich kann dich nicht finden. nicht mehr anfassen, nicht streicheln, nicht riechen. meine hände haben über fast zwei jahrzehnte hinweg die geometrie deines körpers gelernt. nun greifen sie ins leere, verharren mitten in der luft und finden statt deiner wärme nur den kalten widerstand des raums. jedes unwillkürliche ausstrecken der finger wird zu phantomschmerz, der sich wie eine physische wunde durch die sehnen zieht. mein körper sucht deine dichte, aber findet nur das vakuum, dass du hinterlassen hast.

der balkon ist zu einem ort geworden, den ich kaum mehr betreten kann. dein stuhl steht dort, aber nun ist er leer. ich erwische mich dabei, wie ich mir vorstelle, dass du immer noch dort sitzt. und im selben augenblick wandert mein blick nach oben zu den sternen. dort, wo du nun deinen geistigen platz hast – frei und getragen vom kosmos.

doch genau dies wird zur innerlichen zerreißprobe. zu wissen, dass dein geist teil des großen ganzen geworden ist, heilt nicht den moment, in dem der blick das leere kissen trifft.
dass dein fell nicht mehr von der sonne gewärmt wird, dass deine augen nicht mehr den vögeln folgen, trifft mich mit voller wucht. der himmel über mir mag nun vertrauter wirken, weil du dort oben bist. aber der balkon ist kälter geworden.

und obwohl ich über die richtigkeit deiner rückkehr in den kreislauf weiß, fragt der schmerz nicht nach philosophie. er verlangt nach deinem geruch, deinen tappenden schritten, nach deinem greifbaren fell. dass du überall geworden bist, schützt mich nicht davor, dich genau hier zu vermissen.

du fehlst mir. genau hier, genau jetzt.