cleo 4

jedes atom, das die komplexität eines menschlichen organismus ermöglicht, verdankt seine existenz thermodynamischen prozessen im inneren längst erloschener sterne. die elemente wurden durch druck, hitze und schlussendlich kollaps geformt und über lichtjahre hinweg im raum verteilt.
was wir „leben“ nennen, ist genau genommen ein chemisch hochgradig geordneter zustand auf zeit. wir besitzen diese materie nicht; wir haben sie uns geborgt.
mit dem tod löst sich diese ordnung wieder auf. das ist kein verlust, sondern lediglich die rückkehr zur unordnung, aus der dann wieder neues gefüge entsteht. die atome zerstreuen sich – im boden, in der luft, in der atmosphäre. der körper wird nicht wieder wie sternenstaub; er war es immer, er hat nie aufgehört es zu sein.
während die astrophysik über die erhaltung der masse schreibt, berührt die denktradition der lakȟóta die qualität dieser kontinuität. in der vorstellung des „sternenvolkes“ und dem „pfad der geister“ liegt keine romantische verklären des todes, sondern eine radikale absage an die isolation.
nimmt man die „verwandtschaft aller dinge“ ernst, verliert die trennung zwischen dem beobachter und dem himmel ihre grundlage. der raum über uns ist dann keine kalte, abweisende leere mehr, sondern das herkunftsfeld. das bewusstsein blickt auf den ursprung seiner eigenen bausteine.
das sterben ist kein verlassen der welt, sondern das vergehen einer form – während ihre substanz lückenlos im ganzen bleibt. der schrecken der unendlichkeit weicht in dem moment, in dem man begreift, dass man nie außerhalb von ihr gestanden hat. wir lösen uns nicht ins nichts auf, sondern verteilen uns lediglich wieder in das, was uns hervorgebracht hat.